Ein tragisches Hollywood-Schicksal in «Seberg»:
Kristen Stewart verkörperte Jean Seberg, die überwacht und blossgestellt wurde. Brillant.
Eine Mutter sitzt ihrem Sohn im Nacken: Corinna Harfouch ist «Lara», die am 60. Geburtstag eine bittere Erkenntnis erfährt.
Eine Frau kämpfte bereits 2003 gegen Fake-News: Keita Knightley gibt «Official Secrets» preis. (von oben)

Breiner's Spot(t)light


«Der Tod gehört den Männern»


Von Frauenquote und Frauenbenachteiligung, Belästigung, Ausnutzung und Nötigung ist seit Monaten häufig die Rede. Ein Dokumentarfilm bringt es nicht nur an den Tag, sondern auf die Leinwand: Er heisst «Untouchable» und demontiert Hollywoods mächtigen Produzentenmogul: «The Inside Story of the Harvey Weinstein Scandal». Der Kerl, mehrfach des sexuellen Missbrauchs angeklagt, ist nicht mehr unantastbar. Frauen haben die Mauer des Schweigens durchbrochen. Noch gilt die Unschuldsvermutung, aber sein Ruf ist ruiniert und die männliche Machtdomäne in diesem Fall von Machtmissbrauch durchbrochen.

Doch das ist nicht unser Thema. Ich denke an Frauenpower vor und auf der Leinwand. Das Zurich Film Festival (ZFF) hat dazu eine Menge beigetragen. Man musste nicht lange suchen, um hier wirklich starke Frauengestalten, Geschichten und Regisseurinnen zu finden, abgesehen von den prämierten Stars Kristen Stewart und Cate Blanchett (Golden Eye bzw. Golden Icon). Wobei gleichwohl zu erwähnen ist, dass die «Twilight»-Ikone Kristen Stewart mit einem starken Part aufwartete in «Seberg». Sie verkörperte die Schauspielerin Jean Seberg («A bout de soufle») brillant. Nicht zu vergessen: Die Französin Julie Delpy stellte ihre siebte Regiearbeit vor: «My Zoe». Sie selbst agiert als Mutter, die um das Sorgerecht ihrer Tochter Zoe kämpft. Ein Horror, denn Zoe hat eine Hirnblutung erlitten und die Mutter geht aufs Ganze.

Zwei Frauen auf sich allein gestellt in Casablanca. Abla, alleinerziehende Mutter der achtjährigen Warda, betreibt eine Delikatessen-Bäckerin in der Altstadt. Eines Tages schneit ihr eine Fremde ins Haus, die hochschwangere Samia. Abla, seit dem Tod ihres Mannes verhärmt, gewährt der gestrandeten Samia eher widerwillig Gastrecht für ein, zwei Nächte und geht auf Distanz, bis Tochter Warda sie aufrüttelt. Und in diesem marokkanischen Spielfilm «Adam» fallen die Sätze: «Der Tod gehört den Männern. Den Frauen gehört wenig.» Gemeint ist die Beerdigung ihres Mannes, an der Abla nicht teilnehmen darf.

Frauen nehmen das Zepter des Handelns selber in die Hand, etwa die weissrussische Studentin Lena, welche illegale Geschäfte ihres Vaters (im Knast) weiterführt im Spielfilm «1986». Die unheilbare kranke Lily (Susan Sarandon) will auch das Ende ihres Lebens selbst bestimmen im Kreise ihrer Familie in «Blackbird». Ihr Name ist Legende: Renée Zellweger verkörpert den tragischen Glamourstar Judy Garland. «Judy» ist ein Biopic mit Schattenseiten. Einen ganz starken Part lieferte Corinna Harfouch im Mutter-Sohn-Drama «Lara». An ihrem 60. Geburtstag wird ihr Sohn Viktor, ein begnadeter Pianist, sein erstes Konzertmit einer Eigenkomposition in Berlin geben. Das Verhältnis zwischen Lara und Viktor ist gespannt, sie hat ihn immer wieder unter Druck gesetzt und ihre eigene Karriere aufgegeben. Am Ende muss sie eine bittere Lebenserkenntnis verkraften.

Man könnte die Liste starker Frauen im Kino weiterführen, doch eine sticht besonders ins Auge. Sie heisst Katherine Gun (sie war Gast am ZFF), arbeitete im Britischen Geheimdienst und wurde aus Gewissenbissen zur Whistleblowerin. Sie wollte beim Falschspiel der Amerikaner und Briten, einen Krieg gegen Saddam Hussein und den Irak wegen vermeintlicher Chemiewaffen zu legitimieren, nicht mitmachen. So kämpfte sie bereits 2003 gegen Fake-News. Gavin Hood hat diesen Fall von Zivilcourage, andere sagen Verrat, verfilmt mit Keira Knightley. «Official Secrets» ist ein fesselndes, engagiertes Stück Kino.

Da mutet eine Neuauflage des Gewalt-«Rambo» mit dem ewigen Krieger Sylvester Stallone geradezu lächerlich an. Macho-Spezies der Marke Rambo sollten ausgemustert werden. Aber solange Action und Gewalt im Kino regieren, genossen und konsumiert werden, werden Superhelden von Batman bis Bond weiterhin die Welt heimsuchen und retten. In diesem Sinn gehört der Tod/Gewalt wirklich den Männern.


Zurück

Veröffentlicht Oktober 2019


Markante starke Frauen auf der Leinwand (von oben):
Megumi Igarashi in «#Female Pleasure», Felicity Jones in «On the Basis of Sex», Jane Fonda in «Barbarella», Ursula Andress in «James Bond 007 – Dr. No», Halle Berry in «James Bond 007 – Die Another Day», Gal Gadot in «Wonder Woman», Rosa Salazar in «Alita: Battle Angel»  und Brie Larson in «Captain Marvel».

Breiner's Spot(t)light


Frauen bekommen Flügel


Es gibt Tage, da fliegen einem Frauen förmlich um die Ohren – im Mediendschungel, geprintet oder elektrisiert, vor Augen oder im Äther. Der Weltfrauentag am 8. März war so ein medialer Paukenschlag. Viel Lärm um viel? Hoffentlich. Was die wenigsten wissen: Besagter Tag fand erstmals 1911 statt. Das Thema, das Ziel: Wahlrecht, Gleichberechtigung, Emanzipation. 1975 erkoren die Vereinigten Nationen den 8. März zum Tag für die Rechte der Frau und den Weltfrieden. Das Bewusstsein ist geschärft, die Gleichberechtigung ist fortgeschritten, aber unvollendet – in unserer wie auch in anderen Zivilisationen und Kulturen. Und so wurde für den 14. Juni erneut ein Frauenstreik proklamiert. Das gab's schon mal 1991. Und nun sollen die Fäuste mit den lackierten Daumennägeln wieder sprechen – in der Schweiz!

Der Mann sieht's mit Befremden, Wohlwollen oder Sympathie. Frauenpower auf der Strasse, in den Medien (manchmal) und im Kino. Frauen verschaffen sich Gehör und Sicht. Der zurzeit erfolgreichste Schweizer Dokumentarfilm «#Female Pleasure» (siehe Filmkritik) führt vor, wie sich Frauen aus männlicher Umklammerung und Drangsale befreien, Fesseln sprengen und ihre Stimme erheben.

Wie mühsam der Weg zur Gleichberechtigung war und ist, zeigt auch der Spielfilm «On the Basis of Sex» (siehe Filmkritik). Nein, mit Sex hat dieser Justizfilm mit einer überragenden Felicity Jones als Ruth Βader Ginsburg (RBG) nichts am Hut, sondern mit Geschlecht und Ungleichheit vor dem Gesetz.

Der Männlichkeitswahn grassiert zwar weiterhin – auf politischer wie gesellschaftlicher Ebene (siehe Totalitäten wie Trump, Putin und andere Herrschaftskonsorten) – aber Frauen erobern sich jetzt zumindest im Kino männliche Positionen. Zugegeben, es gab Amazonen und Heldinnen wie die Weltraumagentin «Barbarella» (1968), verkörpert durch Jane Fonda, bereits vor 50 Jahren. Meistens dienten die augenfälligen Bond-Girls freilich als Nebenfiguren (Ursula Andress), Konkurrentinnen (Grace Jones) oder Gespielinnen (Sophie Marceau, Halle Berry, Eva Green, Olga Kurylenko u.v.a.).

So richtig in Fahrt sind die Superfrauen aus dem Comicreich erst in jüngster Zeit gekommen. «Wonder Woman» (2017) aus dem Comic-Grossverlag DC machte den Anfang. Die Amazonen-Prinzessin musste aber über 75 Jahre warten, bis sie ihren eigenen grossen Kinoauftritt hatte. Die Israelin Gal Gadot verkörperte die attraktive Kriegerin. Vor kurzem machte die Manga-Ikone «Alita» die Leinwand unsicher. «Battle Angel» heisst der Streifen mit Rosa Salazar und Christoph Waltz. Das Cyber-Punk-Abenteuer ist visuell spektakulär, mit wilden Kampfszenen gespickt, von Robert Rodriguez im Stil eines James Cameron inszeniert, der die Filmrechte am Manga-Stoff «Alita» bereits vor 20 Jahren gekauft hatte.

Richtig grosse Kasse macht nun aber ein Comicprodukt aus dem Marvel-Universum: «Captain Marvel» (siehe Filmkritik). Allen Unkenrufen zum Trotz hat die «Kapitänin» auch männliche Besucher massenweise angezogen. Die Powerfrau, die von der Pilotin Carol Danvers (Anno 1995) zu Captain Marvel (oder Mar-Vell) mutierte, ist eine Kampfmaschine mit ungeheuren Energiekräften. Sie hat menschliches (irdisches), aber auch Kree-Blut, also ausserirdisches, in ihren Adern, bestens zur Schau gestellt von Brie Larson. Zur Vertiefung empfiehlt sich das Comicbuch «Captain Marvel. Die ganze Geschichte» (panini comics).

Der weibliche Bond im Marvel-Space-Universum macht also Kasse – und wie! Rund 150 Millionen Dollar soll das explosive Spektakel gekostet und am Startwochenende locker eingespielt haben. Weltweit meldet die Walt Disney Company Einnahmen von 455 Millionen Dollar, in den USA 153 Millionen und die Schweiz verbuchte 1,2 Millionen Franken Umsatz.

Hollywood, hör die Signale: Auch Frauen können Kasse machen. Nebenbei, interessant ist, dass sich Oscar-Preisträgerin Brie Larson («Room») nicht zu schade war, in die kriegerische Comicwelt einzutauchen. Die Kämpferin für Gleichberechtigung hat Kampftraining absolviert, sich selbst herausgefordert und in der 21. Marvel-Verfilmung einen Kraftakt für die Frau geleistet, auch wenn wie meistens im Actiongenre Fäuste, ausserirdische Kräfte und gigantische Waffen wüten. Gleichwohl, ein Wendepunkt im Kino?

Tatsache ist aber, dass auch wenn die Zahl der Frauen weltweit zunimmt, doch allzu viele Kaderpositionen noch von Männer besetzt und verteidigt werden. Die Gleichberechtigung bleibt ein Ideal, das noch zu erobern ist. Der Tag der Gleichstellung der Frau am 26. August setzt ein weiteres Zeichen. Auch wenn Frauen mal abheben, werden sie cleverer sein und nicht abstürzen wie einst der männliche Himmelsstürmer Ikarus.


Zurück


Veröffentlicht März 2019


Frauen zeigen Männern die Stirn und nehmen das Heft des Handelns selber in die Hand.
Von oben: Witwen entwickeln kriminelle Energie im Thriller «Widows»; Amazonen machen mobil im Fantasyfilm «Wonder Woman»; Claire Foy agiert als «The Girl in the Spider's Web», und die drahtige Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) führt als Einzelkämpferin Krieg gegen die lokale Aluminiumindustrie in «Woman at War».

Breiner's Spot(t)light


Frauen sind die besseren Männer


Die Zeiten sind vorbei, als Männer selbstherrlich und -herrisch auf Raubzug gingen, den toughen Macker markierten und glaubten, Action für sich allein gepachtet zu haben. Jetzt haben Frauen die Actionszene erobert, entwickeln kriminelle Energie und führen ermittelnde Mannsbilder an der Nase herum. Was soll frau auch machen, wenn der Partner bei einem Raubzug in eine Falle läuft, das Zeitliche segnet und die eigene Existenz bedroht ist? Frau nimmt das Heft des Handels selber in die Hand und entwickelt räuberische Energie. Wie das geht, zeigt Steve McQueen in seinem rasanten Witwenthriller «Widows».

In griechischen Mythologien zogen Frauen ins Feld. Kämpferische Amazonen haben längst auch in Comics (Marvel) und Fantasyfilmen wie «Wonder Woman» (2017) Blutspuren hinterlassen. Die hieb- und stichfesten Amazonen bleiben meistens weiblich ausgestattete Kopien der Muskelhelden.

Als Punkerin im Untergrund hat Lisbeth Salander in der «Millennium»-Trilogie Fernseh-und Kinopublikum erobert. Nun agiert Claire Foy in der Rolle der Frau, die es auf Männer abgesehen hat. Doch der vierte Teil, von David Lagercrantz in der Nachfolge von Stieg Larsson verfasst, kann nur noch Kinogänger überzeugen, welche nicht mit Noomi Rapace als Hackerin mitgefiebert haben: «The Girl in the Spider's Web» ist ein gradliniger Actionfilm, dem freilich Doppelbödigkeit und Düsternis abgehen. Eben ein Sequel.

Besser gefällt mir eine Einzelkämpferin in Island, die mit Pfeil und Bogen gegen Konzerne zu Felde zieht: «Woman at War» setzt sich dabei nicht nur für die Umwelt, sondern auch für eine Adoption ein. Wer käme hierzulande schon auf eine solche (filmische) Idee? Wer wagt eine Geschichte mit schrägen Heldinnen?

Tragische unglückliche Frauen besetzen die Leinwände eher mehr – von der zweifelnden Laborärztin im Schweizer Spielfilm «Der Unschuldige» bis zur verliebten Schwester im Liebesdrama «Glaubenberg». Fazit: Die Frauenquote steigt auch im Kino!


Zurück

Veröffentlicht Dezember 2018