Iris was here: Überraschend nahm die Filmikone und «Rocklady des deutschen Kinos» (so Festivalleiter Christian Jungen) Iris Berben ein Goldenes Auge vor Beginn des ZFF entgegen. (Foto: Tim Hughes/ZFF)


16. Zurich Film Festival vom 24. September bis 4.Oktober 2020

Kulturoffensive:
Eine Lanze fürs Kino

Corona zum Trotz: Das Zurich Film Festival (ZFF) findet statt, das war für den neuen Festivalleiter Christian Jungen keine Frage des Wollens, sondern des Machbaren. Er liess sich trotz Lockdown, Einschränkungen und Beschränkungen nicht entmutigen. Er glaubte an dieses Kulturereignis zwischen Bellevue, Sihlcity, Kosmos und Filmpodium.

Natürlich muss man einige Regeln und BAG-Schutzmassnahmen in Kauf nehmen, aber ein Filmevent im Netz kam nicht in Frage. Jungen spricht von einem «physischen Festival», und so werden 165 Filme in diversen Zürcher Kinosälen zu sehen sein, darunter allein 23 Weltpremieren.

Die Botschaft ist klar und deutlich: Das ZFF soll ein «Zeichen des Optimismus fürs Kino, für Verleiher, Schauspieler und fürs Publikum» setzen. Die Prämissen lauten: Filme und das Kino werden nicht untergehen, das ZFF setzt sich fürs Publikum und fürs Kino ein. «Unsere Mission», so Christian Jungen, «ist das Kino. Wir stehen für ein kollektives Filmerlebnis.»
Der Virus hatte auch die Kinos mattgesetzt und für viele Absagen im kulturellen Bereich gesorgt. Grossproduktionen wurden von Hollywood auf Eis gelegt oder ins Netzt transferiert wie Disneys «Mulan». Das Filmfestival Locarno wurde abgesagt, Nyon («Visions du Réel») suchte in einem anderen Medium Zuflucht und fand Online statt. Immerhin, «Fantoche», das kleine Festival für Animationsfilme in Baden, öffnete die Kinos. Auch die Filmfestspiele in Venedig gingen über die Bühne – in reduzierter Form versteht sich.

Ohne Einschränkungen geht es auch in Zürich nicht. So können die Kinos gemäss der Auskunft Elke Mayers, ZFF-Geschäftsleiterin, nur zu 60 Prozent ausgelastet werden. Es herrscht Maskenpflicht – vor, im und ums Kino. «Ja man könne die Maske im Saal zum Popcorn-Essen abnehmen und dann wieder aufsetzen.» So lauten die BAG-Direktiven. Sinn macht das freilich nicht. Im dunklen Kinosaal mit Maske…da wiehert der Amtsschimmel!
Kern des Festivals sind die drei Wettbewerbe. Der Fokus, dotiert mit 25 000 Franken, umfasst 14 Spiel-und Dokumentarfilme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz (5). Die Schweizer Beiträge: das Liebesdrama «Beyto» von Gitta Gsell, «Miraggio», ein Zeitdokument über einen Flüchtling aus Mali von Nina Stefanka, das Künstlerporträt «Not Me – A Journey With Not Vital» von Pascal Hofmann, das Coming-out-Drama «Sami, Joe und ich» von Karin Heberlein und das Zeitdrama «Spagat» von Christian Johannes Koch.

Der internationale Spielfilm-Wettbewerb (25 000 Franken) ist 14 jungen Produktionen, heisst Erst-, Zweit- oder Drittlingsfilmen, vorbehalten, etwa aus den USA («Never Rarely Sometimes Always»), aus Südkorea («Moving On»), Indien («The Disciple»), Skandinavien («Charter»), Frankreich («Slalom») oder Polen («Sweat»). Zwölf brandneue Filme nehmen am Doku-Wettbewerb teil: beispielsweise «King of Cruise» (Holland), «Mami» (Mexiko), «Mayor» aus Palästina, «Maya» aus Indien und natürlich «I Am Greta» von Nathan Grossman.

Gala-Premieren sind Glanzpunkte des ZFF. Aus Schweizer Sicht sticht diesbezüglich der Eröffnungsfilm «Wanda, mein Wunder» mit Marthe Keller, Anatole Taubman von Bettina Oberli ins Auge. Gespannt ist man auch auf Sönke Wortmanns neuste Komödie «Contra», auf Moritz Bleibtreus Regiedebüt «Cortex» oder aufs Roadmovie «Nomadland» mit Frances McDormand, das just in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Bemerkenswert ist obendrein Stefan Haupts «Zürcher Tagebuch», eine sehr persönliches Zeitdokument des «Zwingli»-Regisseurs. Ein Höhepunkt dürfte die Weltpremiere von Rolf Lyssy Komödie «Eden für jeden» (28. September) sein. Der Zürcher wird für sein Lebenswerk mit dem Career Achievement Award geehrt wird (siehe grosses Interview).

Auch wenn US-Gäste infolge der Corona-Restriktionen meistens aussen vor bleiben, wartet das ZFF 2020 mit einer Reihe illustrer Gäste auf dem grünen Teppich auf. Johnny Depp soll abermals auftauchen mit dem Dokfilm «Crock of Gold» über die irische Folkpunk-Band The Pogues, den er mitproduziert hat. Juliette Binoche präsentiert die Komödie «La Bonne Epouse» und erhält den Gold Icon Award. Mit Golden Eye Awards werden die Schauspielerin Olivia Colman («The Father») und der Filmschaffende Til Schweiger («Gott, du kannst ein Arsch sein!») honoriert. Der französischen Autorin, Regisseurin und Schauspielerin Maïwenn ist eine kleine Retrospektive gewidmet. Sie wird den Golden das Goldene Auge («A Trute to…») entgegennehmen und den Film «ADN» vorstellen. Zum zweiten Mal wird der Science Film Award verliehen. Unter den fünf nominierten Filme gehört sicher Nathan Grossmans «I Am Greta» zu den Favoriten.

Einen Coup gelang Jungen mit einer vorgezogenen Ehrung an der Pressekonferenz im Baur au Lac. Infolge von Dreharbeiten in Griechenland (Quarantäne) hätte sie nicht ans ZFF kommen können. Kurzfristig reiste Iris Berben zum Blitzbesuch nach Zürich und nahm freudestrahlend den Gold Eye Award entgegen: «Wunderbar!». Die Jubilarin, die im August ihren 70. Geburtstag feierte, nahm die Gelegenheit wahr, eine Lanze für das nicht nur in Deutschland gebeutelte Filmschaffen und Kino zu brechen. «Kultur darf niemals weggespart werden. Wir sollten verbinden statt trennen.» Kultur und Kino sind zu fördern, so ihr Credo, und so eben auch Kommunikation und Austausch. «Unsere Emotionalität einigt uns!» Wie es sich für Preisträger am ZFF gehört, wird Iris Berben auch auf der Leinwand präsent sein, und zwar mit dem neuen Film «Unwort» am 30. September.

Überhaupt zeichnet sich das ZFF 2020 durch starke Frauenpräsenz aus, über die Hälfte der Filme in den Wettbewerben stammen von Frauen. Insgesamt über alle Sektionen hinweg betrachtet, führten annähernd bei 40 Prozent der gezeigten Filme Frauen Regie. Zürich hat seine Chance in Zeiten ausgedörrten Filmangebots wahrgenommen. Das dürfte auch eine Auffrischung für die darbende Kinoszene sein.


Weitere Programme am ZFF:
Neue Weltsicht Frankreich mit 13 Lang- und fünf Kurzfilmen
Border Lines mit sieben Filmen, die sich mit Grenzsituationen auseinandersetzen aus
Window to the World mit acht Filme in Zusammenarbeit mit Hongkong, Berlin und San Sebastian
Hashtag # GetUpStandUp mit acht Filmen
Serien wie «Cry Wolf » (Dänemark), «Frieden», eine Schweizer Reihe von Petra Volpe, «The Chef»
ZFF für Kinder mit zehn Filmen u.a.
Dürrenmatttinée mit fünf Dürrenmatt-Verfilmungen
Filmmusikkonzert Drama im Film (Tonhalle Maag, 1. Oktober)
Soundtrack Zurich 2020 am 29. September/1. Oktober
ZFF Masters mit Rolf Lyssy, Juliette Binoche, Til Schweiger, Maïwenn und Ray Parker jr., Komponist und Gitarrist, Musikproduzent
ZFF Talks

Programm Zurich Film Festival
zff.com

Tickets
zff.com, starticket.ch


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