All the Beauty and the Bloodshed

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Künstlerin und politische Aktivistin: Nan Goldin kämpft mit der Gruppe «P.A.I.N.» gegen die Sackler-Familie, die mit ihren Opioid-Produkten Milliarden verdient hat. (Filmcoopi)

 

Künstlerin mit Konturen und Kampfeswillen


Proteste sind wieder en vogue – sei es auf der Strasse oder sonstwo in der Öffentlichkeit. Besonderes Aufsehen und Ärger erregen zurzeit Kleberaktionen. Eine Minderheit drangsaliert Mehrheiten. Von ganz anderem Kaliber sind die Aktionen der Amerikanerin Nan Goldin, die seit 2018 gegen die Pharmadynastie Sackler und deren Mäzenatentum kämpft. Das Sackler-Unternehmen Purdue Pharma ist hauptverantwortlich für das Schmerzmittel Oxycontin, das nicht nur Schmerzen lindert, sondern auch abhängig macht. Das hat die Fotografin Nan Goldin nach einer Operation am eigenen Leib erfahren. Sie kann sich «befreien», andere zahlen mit dem Leben für diese Sucht.
Diesen zwei Seelen in ihrer Brust – Künstlerin und Kämpferin – wird das Porträt von Oscar-Preisträgerin Laura Poitras («Citizenfour») gerecht.

Mit ihrer Fotokunst eckte Goldin an, auch weil sie sich, ihren Körper und Subkulturen ins Zentrum stellte. Ihre Bilder sind ungeschminkt, direkt, hautnah. Man bezweifelte ihre «Kunstfertigkeit». Heute hat die «Aktivistin der Sichtbarkeit» (Gerhard Midding, epd-Film) Platz und Anerkennung in grossen Museen gefunden. Und Kunstinstitutionen wie die Met (New Yorker Metropolitan Museum of Art), die National Gallery in London, der Louvre, das Guggenheim Museum New York wurden von Nan Goldin mit ihrer Gruppe P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now) attackiert. Denn all diese Kunstinstitutionen wurden von der Pharmadynastie Sackler subventioniert, haben ihren «Sackler Wing» oder Ähnliches. Der Kampfspruch lautete «Sacklers lie, people die». Ziel war es, die Donatorentafeln zu entfernen. Auch weil die Hersteller der Schmerzmittel Oxycontin und Kunstmäzene die Wirkung ihrer Produkte lange Zeit verharmlost haben.

Der Film ist nahe bei den Akteuren, aber auch bei der «privaten» Nan Goldin. Sie schildert (aus dem Off) im Kapitel II von insgesamt VI, wie sie bei Pflegeeltern aufwuchs, wie sie in die New Yorker Bovery abtauchte und dem Gefährten David gedachte, der 2014 an Aids starb (Kapitel IV «Gegen das Verschwinden»). Der Filmtitel «All the Beauty and the Bloodshed» bezieht sich auf Nans ältere Schwester Barbara, die sich mit 18 Jahren das Leben nahm, und deren psychiatrische Begutachtung.

Laura Poitras‘ Film, in Venedig 2022 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, ist nicht nur ein starkes Zeitdokument, sondern auch ein Plädoyer für Zivilcourage, Verantwortung und Kunstverständnis über den Bildrahmen hinaus. Die Sackler-Donatorentafel im Pariser Louvre wurde übrigens entfernt.


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USA 2022  
121  Minuten

Regie und Kamera: Laura Poitras

Mitwirkende: Nan Goldin, David Velasco, Megan KPLER, Marina Berio
Kategorie Filmkritik


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