Im Westen nichts Neues

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Der Krieg frisst seine Kinder: Soldat Paul Bäumer (Felix Kammerer) ist einer von Millionen, die im Ersten Weltkrieg umgekommen sind. (Netflix)



Apokalypse des Grauens:
Beim Sterben ist jeder der Erste


«Hunde, wollt ihr ewig leben?» heisst ein Kriegsfilm von 1959 mit Joachim Hansen, Horst Frank, Günter Pfitzmann und vielen anderen. Frank Wisbar (Buch und Regie) beschrieb den sinnlosen Kadavergehorsam der Wehrmachtssoldaten in Stalingrad. Als «eindringlichen Aufruf gegen Unmenschlichkeit und Sinnlosigkeit des modernen Krieges» wertete dazumal der Evangelische Filmbeobachter das Stalingrad-Drama. Der Titel bezog sich auf einen Spruch des preussischen Königs Friedrich der Grosse auf seine fliehenden Soldaten: «Ihr verfluchten Racker, wollt ihr denn ewig leben?

In seinem Roman «Im Westen nichts Neues» (1929) verarbeitete Erich Maria Remarque Kriegserfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg. Das Buch gilt als Antikriegsklassiker – weltweit. Erstmals wurde es 1930 von Lewis Milestone verfilmt: «All Quiet on the Western Front», von Nationalsozialisten verteufelt und bekämpft. Es passte schlecht zum neuen hehren Nationalismus wegen seiner «verräterischen und entschieden unheroischen Darstellung des Krieges» (so die Nazis). Neun Jahre später brach Hitler den Zweiten Weltkrieg vom Zaun. Und wieder zogen junge Männer 1939 begeistert in das «Abenteuer Krieg». Nun im 21. Jahrhundert hat ein skrupelloser Staatsmann einen neuen Krieg entfacht, um Russland in der Ukraine zu «verteidigen».

Der Sensemann wütet auf dem Schlachtfeld. Verstümmelte Körper, zerfetzte Uniformen, verdreckte Gestalten hocken in Erdlöchern. Einer sammelt Erkennungsmarken von toten Kameraden ein. Hier herrscht das nackte Grauen, die Apokalypse der Schlachtfelder. So beginnt das Höllendrama auf Erden: «Im Westen nichts Neues». Schnitt. Jubel in einem Gymnasium: «Wir ziehen in den Krieg für Gott, Kaiser und Vaterland!» Wer glaubt’s noch im Kriegsjahr 1917? Der 17jährige Paul Bäumer (Felix Kammerer) und andere Altersgenossen folgen dem Aufruf und werden nach wenigen Tagen an der Westfront eines Besseren belehrt. Die Männer krepieren wie die Fliegen – im Inferno der Kanonen, Granaten, Kugeln und von Gasangriffen. «Held» Bäumer und sein ausgefuchster «Schirmherr» Stanislaus (Albrecht Schuch) schlagen sich durch und fiebern nach Waffenstillstand. Man nutzt jede Stunde in der Etappe, im Feindesland und nimmt, was man kriegt. «Paul, du hast `ne Gans gestohlen»: Das wird Soldaten im Winter 1918 zum Verhängnis.

Die Szenenwechsel, die Regisseur Berger vornimmt, sollen auch das zivile und militärisch-politische Umfeld einbeziehen. Doch sowohl ein gewisser feister General Friedrich (Devid Striesow), der sich in der Etappe suhlt und seine Truppen verheizt, als auch die deutsche Delegation unter Matthias Erzberger (Daniel Brühl), die versucht, mit den Franzosen einen Frieden zu schliessen, wirken fremd, aufgesetzt, überfällig.

Wieder versucht ein Film, unabhängig von dem Überfall auf die Ukraine, den Wahn- und Unsinn eines Krieges anzuprangern. Die erste deutsche Verfilmung des Remarque-Romans entstand als Netflix-Produktion grösstenteils in Tschechien. Berger schildert das Gemetzel, Leiden und Verenden aus der Opferperspektive. In seinem Drama gibt es keine Helden. «Die Menschen sind Bestien» heisst es einmal. Und was sie anderen Menschen antun, diktiert von oben, zeigen die drastischen Szenen aus dem Schlachthaus Krieg eindrücklich, schmutzig, kaum ertragbar. Diese Bilder brennen sich ins Gedächtnis ein. Sie schockieren, entsetzen, mahnen, aber sie werden kaum helfen, den Wahnsinn zu beenden. Das monumentale Antikriegsepos wurde von Deutschland bei den Oscar-Nominationen angemeldet. Nach erster Kinoauswertung wird es ins Netfix-Programm aufgenommen.


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Deutschland 2022
148 Minuten

Regie: Edward Berger
Buch: Berger, Lesley Paterson, Ian Stokell
Kamera: James Friend

Darsteller: Felix Kammerer, Daniel Brühl, Albrecht Schuch, Aaron Hilmer, Moritz Klaus, Devid Striesow


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