Breiner's Five

Nach Absperrungen und Abschottungen beginnt nun die Phase der Lockerungen, des leisen Öffnens. In Zeiten der Mutmassungen, des Massregelns, aber auch des Mutmachens sind Ratschläge gefragt. Genau das wollen wir: Anregen und Empfehlen.
Man könnte Einblick nehmen an Michael Steiners Momentaufnahmen «Switzerlanders» (myfilm.ch) oder das 6. Iranische Film Festival Zürich (28. Mai bis 3. Juni) online verfolgen (iranianfilmfestival.ch). Wir haben uns speziell umgesehen und stellen vor: Breiner's Five – bemerkenswerte Filme fürs Heimkino, Tipps für die Glotze:

Verloren

FILM – STREAMING THE CHARMER Ein Mann um die 30, gutaussehend, aber einsam und fremd in Dänemark. Esmail (Aradalan Esmaili) stammt aus dem Iran. Er lebt seit ein paar Jahren in Dänemark, verdingt sich als Möbelpacker und geht abends auf Pirsch. Er sucht Frauen, eine legitimierte Verbindung, um so eine permanente Aufenthaltsbewilligung zu bekommen. Meistens verlieren sich diese One-Night-Stands, bis er Sara (Soho Rezanejad) kennenlernt. Eine intelligente, attraktive junge Frau aus gutem persischen Haus. Man/frau verliebt sich. Die Mutter Leila, eine geschätzte Sängerin, findet Gefallen am Verlobten ihrer Tochter Sara. Man schmiedet Heiratspläne, doch Esmail, der Charmeur, trägt eine schwere Last mit sich. Im Iran wartet eine Familie … Milad Alami (Regisseur und Autor), 1982 in Teheran geboren, beschreibt in seinem dänischen Liebes- und Sozialdrama «Charmøren» (The Charmer, 2017) das unauflösliche Problem der Einsamkeit in der Fremde, der Herkunft, der Heimat und Verantwortung. Der Verführer Esmail wechselt die Identität, verführt quasi in der Not, verliebt sich und verliert sich. Er sucht seinen Platz und wird auf sich selbst und seine Herkunft zurückgeworfen. Ein starker Film nicht nur über Emigration, sondern auch über existentielle Einsamkeit und verlorene Liebe. Streaming: filmingo

Auge um Auge

FILM – STREAMING EUTHANIZER Er bastelt und flickt Motorräder. Veijo (Matti Onnismaa) ist ein Sonderling, zuständig für «Reparaturen und Endlösungen». Der «Einsiedler» tötet auf Wunsch auch Tiere – human sozusagen. Kleine Lebewesen vergast er im Auto, grössere erschiesst er und begräbt sie. Doch er tritt nur in Aktion, wenn er ein Tier von seinem Leiden erlösen kann. Ein Hund, der dem Besitzer Petri, einem punkigen Fascho, lästig geworden ist, soll er gegen Bares töten. Doch Veijo entscheidet, den Todeskandidaten, den er Piki nennt, am Leben zu lassen. Der komische Kauz hat seine Karma-Prinzipien, zum Beispiel ist er überzeugt, dass alle Handlungen Konsequenzen haben, dass Schmerz und Schuld ausgeglichen, dass alle Vergehen – auch an Tieren – gebüsst werden müssen, eben Auge um Auge, Zahn um Zahn. Lotta (Alina Tomnikov), die ihn auch um einen Gefallen bittet, freundet sich mit dem Tierfreund und Sonderling zaghaft an. Doch niemand kann in Frieden leben, wenn es den bösen Zeitgenossen nicht gefällt. Als Petri, der gewalttätige Familienvater mit neofaschistischen Hirngespinsten, entdeckt, dass sein Hund nicht getötet wurde, mobilisiert er seine rassistischen Punkkumpels («die finnischen Soldaten»), um dem Tierfreund und dem Hund eine Lektion zu erteilen. – Der Finne Teemu Nikki ist nicht zimperlich und autark – als Autor, Regisseur und Produzent. Sein rigoroser Thriller «Armomurhaaja» (Euthanizer) entstand bereits 2017. Einerseits ist dieser rüde spröde Film aus Finnland ein Liebesfilm, andererseits eine Abrechnung, ein Drama um Schuld und Sühne, Gewalt und Gegengewalt. Wohl allzu brutal und gnadenlos für sanfte Gemüter und Seelen. Streaming: Outside the Box (Partnerkinos in den Städten von Aarau bis Zürich)

Spinnig, sinnig, sur- und real

FILM – STREAMING COLLECTION LOCKDOWN BY SWISS FILMMAKERS Eine Idee, die auf fruchtbaren Boden fiel: Dem Aufruf zu einer Collection Lockdown, initiiert vom Welschen Produzenten Frédéric Gonseth und Anne-Laure Daboczi, vom Zürcher Michael Steiner und der Tessinerin Michela Pini, folgten 80 Filmemacher/-innen. Sie reichten Kurzfilmprojekte ein. 33 Filme wurden realisiert, getragen von der SRG, dem Bundesamt für Kultur und Cinéforum. Die Spannbreite der filmischen Arbeiten (bis zu 11 Minuten) reicht von Alltagsimpressionen eines Dealers (Michael Steiners «Time of My Life») oder einer Familie (Thomas Haemmerlis «Heimschule für Klugscheisser» (Bild) sowie Luise Hüslers «2 Kinder, 7 Kameras, 1000 Verbote») bis zu absurden Episoden in «Dass niemand weiss» (Bild) von Martin Guggisberg und Ruth Schwegler oder in Anka Schmids «Coronal Surreal». Sinnig und sinnvoll reflektieren zwei Männer die Corona-Wirkungen, der eine als Bergführer, dem die Wanderer im Berner Oberland fehlen, und der andere, der den Wald und die Abgeschiedenheit liebt, dort Ruhe und Energie findet. Der besinnliche Kurzfilm «Echo» von Noël Dernesch und Sophie Toth unterstreicht, dass der Lockdown auch eine Chance ist, sich zu besinnen, bescheidener und ernsthafter zu sein. Regisseurin Andrea Štaka widmet sich (zwangsläufig) ihrer Familie, nachdem drei Tage nach dem Kinostart ihres Films «Mare» der Corona-Vorhang fiel: «My Mom, My Son and Me» und die Corona-Einschränkungen. Yoav Parish zeigt, was passiert, wenn man sich in solchen Pandemie-Zeiten zu nah kommt: «Chli znöch – Out of Touch». Lily und Stéphane Goël begleiten ein älteres Paar: «Les pesiférés». Ein impressionistischer Film mit krassem Titel («die Aussätzigen, die Pest-Infizierten»), der eine Lanze für vorverurteilte ältere Menschen bricht. Die Bilder vom Seniorenpaar werden ergänzt mit Impressionen von Vögeln, einer Katze, Blumen, stillen Szenen. Eine bunter Strauss von Filmen – persönlich, besinnlich, denkwürdig, alltäglich, auch mal ironisch und künstlerisch. Lockdown Collection: Swiss Filmmakers

Mann mit Macken

FERNSEHEN PROFESSOR T. Er ist eine wohltuend markante Ausnahmeerscheinung im Heer der Kommissare, Ermittlerinnen, Pathologen oder Assis am Bildschirm. Die letzte Staffel des eigenwilligen «Professor T.» ist gestartet (3. Folge am 26. Mai SRF 1, am 30. Mai ZDF). Smart, unnahbar, exzentrisch, auch unausstehlich, eitel und überheblich – Professor Jasper Thalmann lehrt Kriminologie und Kriminalpsychologie an der Universität Köln. Die erste Staffel spielte noch in Antwerpen, indes hat sich die Handlung nach Köln verlagert. In der aktuellen vierten Staffel (4 Folgen) wird Professor T. aus seinem Exil wieder an Tatorte am Rhein gelockt. Der Mann mit Macken leidet an einem Sauberkeitsfimmel, trägt blaue Handschuhe und lässt nicht berühren. Selbst seine Ex, die Kriminaldirektorin Christina Fehrmann (Julia Bremermann), kommt kaum an ihn heran. Aber der Sonderling ist ein genialer Seelenkenner und Ermittler der Marke Hercule Poirot. In der letzten Folge steht dann auch Christina im Brennpunkt, sie wird schwer verletzt, und Professor T. deckt ein schreckliches Geheimnis auf. Die Serie, seit 2017 produziert, ist eine Adaption der flämischen Reihe, die es bisher auf 39 Folgen gebracht hat. Nun soll die deutsche Reihe «Professor T.» nach 16 Episoden (Buch und Regie Thomas Jahn) beendet werden. Schade, denn Matthias Matschke alias Professor T. hat das Zeug zu einer Krimi-Kultfigur. TV-Serie, SRF 1 (dienstags) und ZDF (freitags)

Beliebter Biedermann

FERNSEHEN 100 JAHRE WALTER RODERER Er hätte in diesem Jahr am 3. Juli seinen 100. Geburtstag gefeiert, der «Mann mit der Melone», der schweizweit bekannte «Herr Nötzli». Der Volksschauspieler aus St. Gallen, Walter Roderer, hat sich als Biedermann mit dem langen Hals, als verkaufter Grossvater, Standesbeamter oder eben als Buchhalter Nötzli im Gedächtnis eingebrannt. Er starb 2012 in Illnau. Das Schweizer Fernsehen ehrt den pfiffigen Mimen mit einer breiten Werkschau. Sie beginnt am Samstag, 23. Mai, mit der Komödie «Der Herr mit der schwarzen Melone» (14,05 Uhr SRF 1), führt über den Klassiker «Der verkaufte Grossvater» (31. Mai, 13.10 Uhr, SRF 1) bis zum bekannten «Ein Schweizer namens Nötzli» (31. Mai, 20.40 Uhr, SRF 1). Eine Reportage schildert Walter Roderers letzte Monate: «Nötzlis Abgang» (30. Mai, 15.55 Uhr, SRF 1). Filmautor Felice Zenoni («Danioth – der Teufelsmaler», «Der Spitzel und die Chaoten») erinnert in seiner Dokumentation «Walter Roderer – Sie müend mi verstoh, gelled Sie!» an den beliebten Mimen (31. Mai, 20.05 Uhr, SRF 1). Freunde, Wegbegleiter kramen in Erinnerungen, markante Szenen sind wieder zu sehen: Der Schweizer Nötzli lebt auf! Und oben drauf kommt noch die Wiederausstrahlung eines Hörspielklassikers mit Ruedi Walter und Roderer: «Ein Schweizer in Paris» (1. Juni, 14.06 Uhr, Radio 1) Spezialsendungen SFR 1 vom 23. Mai bis 31. Mai 2020


Tipps vom 11. Mai 2020


Unbändig

FILM – STREAMING: SYSTEMSPRENGER Die deutsche Überraschung des Kinojahrs 2019/20: Das Sozialdrama «Systemsprenger» von Nora Fingscheidt (Buch und Regie) packte Publikum wie Kritik, wurde im April mit acht «Lolas», dem Deutschen Filmpreis, ausgezeichnet (siehe Einblicke). Die neunjährige Bernadette «Benni» (Helena Zengel) ist ein Mädchen, das nicht nur aus dem Rahmen fällt, sondern auch gesellschaftliche Normen sprengt. Benni ist unbändig, ungezügelt, unangepasst, unberechenbar – voller Energie (auch mit Gewaltpotenzial) und von innerer Not. Mutter, Pflegeeltern, Pädagogen, Erzieher vom Jugendamt sind überfordert. Allein Micha (Albrecht Schuch), Boxfan und Anti-Aggressionstrainer, findet Zugang zum «wilden» Mädchen. Benni hängt sich an diesen neuen Freund, will ihn vereinnahmen, kommt seiner Familie (zu) nah.

Der impulsive, explosive Film über traumatische Erfahrungen, Verletztheit, Einsamkeit und emotionale Not zog bis Ende 2019 über 630'000 Besucher in Deutschland an. In der Schweiz startete «Systemsprenger» im Herbst. Streaming: Netflix, Google Play, Amazon Prime Video.

Am Rande

FILM – STREAMING: A TALE OF THREE SISTERS Drei Mädchen und ein Vater: In einem abgelegenen Dorf in Zentralanatolien hausen drei Mädchen mit ihrem Vater zusammen – mehr schlecht als recht. Die Töchter – Reyhan (29), Nurhan (16) und Nesthäkchen Havva (13) – wurden vom Vater nach dem Tode der Mutter als Dienstmädchen in die nächste Stadt geschickt und sind nun – aus unterschiedlichen Gründen – heimgekehrt. Jede hat Enttäuschungen erlebt. Reyhan, die älteste, diente dem Arzt Necati und wurde schwanger. In der Not wurde sie im Dorf mit dem Hirten Veysel verheiratet. Die jüngste Havva hatte den Platz ihrer Schwester bei den Necatis eingenommen, kam aber mit dem bettnässenden Sohn der Arztfamilie nicht klar. Die Dritte im Bunde, Teenager Nurhan, hatte als Kindermädchen ihren Schützling und damit ihren Job verloren. Drei junge Frauen, die ihren Weg, ihre Bestimmung, ihr kleines Glück suchen in einer von alten Männern bestimmten Welt. Der Vater Sevket, ein einfacher überforderter Mann, ist enttäuscht, hilflos. Auch der Hirte Veysel versucht seiner Bestimmung zu entgehen, bemüht sich, seiner Frau Reyhan zu helfen, dem scheinbar vorbestimmten Schicksal zu entkommen.

Der türkische Filmer Emin Alper beschreibt die Folgen der traditionellen «Besleme», der Fremdplatzierung von Kindern in der Türkei. Sein Spielfilm – halb Sozialdrama, halb Märchen – zeigt die Diskrepanz von Klassen, von Wünschen, Sehnsüchten und Wirklichkeiten. Die Launen des Schicksals spiegeln sich in den Launen und Gefühlen der Schwestern, eingebettet in majestätischen, auch schroffen Landschaftsbildern. Streaming: filmingo (Trigon Film)

Gescheitert

FILM – STREAMING: ALL MY LOVING All das, was wir lieben, geht flöten, könnte der Titel/Untertitel auch heissen. Doch er heisst schlicht: «Eine Geschichte von drei Geschwistern». Es gibt einen Prolog, einen Epilog und drei Kapitel. «Das wird schon wieder» muss sich Stefan (Lars Eidinger) von seiner Schwester Julia (Nele Mueller-Stöfen) sagen und trösten lassen, als er ihr gesteht, dass er wegen eines latenten Hörschadens seinen Job als Pilot verloren hat. Eben diese Schwester unternimmt mit ihrem Mann Christian (Godehard Giese) einen Italientrip (Turin und so). Doch anstatt die kriselnde Zweisamkeit zu beleben (das Paar verlor den Sohn), hat Julia nur noch einen Strassenköter im Sinn, den sie aufgelesen hat. «Inglaterra, ein Traum» ist das zweite Kapitel überschreiben. Tobi (Tobias) ist 39, noch immer Student und ein Mensch, der nichts geregelt kriegt. Tobi (Hans Löw) sollte sich um seine drei Kinder und seine Eltern kümmern, aber «Alles, was er anfasst», geht eben daneben. Die Mutter (Christine Schorn) will das Bad neu bestücken, und der Vater (Manfred Zapatka) ist nicht ganz bei Trost und verweigert jegliche Hilfe.
Der Episoden Film «All My Loving» von Edward Berger (Buch, Regie) und Nele Mueller-Stöfen (Buch) nimmt Alltagssituationen aufs Korn von Menschen, die sich verlieren und kein Ziel finden. Sie sind auf die eine oder andere Weise gescheitert, in ihrer Krise gefangen. Obwohl es zwischen den Geschwistern nur lose Berührungspunkte gibt, wirkt diese Bestandsaufnahme wie aus einem Guss, obwohl viele Aspekte offen bleiben und der Film ausläuft wie eine Welle am Strand. Streaming: Outside the Box via Partnerkinos

Gigantisch

FILM – STREAMING: THE GIANT Bisweilen ist es ein langer Weg von Schweden bis zu uns ins (Heim-)Kino. Johannes Nyholm realisierte seinen ersten Spielfilm (nach Trick- und Kurzfilmen) bereits 2016. «The Giant» (Jätten) – nicht zu verwechseln mit dem spanischen Film «Giant», 2017 – feierte in Toronto Premiere und kann jetzt bei uns eingesehen werden. Der Spielfilm mit märchenhaften Schlenkern erzählt vom 30jährigen Autisten Rikard (Christian Andrén). Der deformierte junge Mann kann sich nur vage verständigen, hat aber in einem schwedischen Boule-Club eine Heimat und in Roland (Johan Kylén) einen wahren Freund gefunden. Seine Mutter Elisabeth (Anna Bjelkerud) ist mit diesem Geschöpf überfordert und hat Rikard in ein Heim gegeben. Der träumt davon, seine Mutter zurückzugewinnen, indem er Nordischer Meister im Sand-Boulespiel (Pétanque) wird. Rikard und Roland bilden das Team Zughi BC und stossen tatsächlich ins Finale vor … Rikard, der von einigen despektierlich nur als Troll oder Gollum (die Missgestalt aus dem «Herrn der Ringe») beschimpft wird, sieht sich als Riese, der sich mit seiner Mutter zusammenführt.
Die skandinavische Produktion «Jätten» (The Giant) ist eine melodramatische Phantasiegeschichte mit sehr realen Bezügen, die traurig und zugleich ein wenig Freude macht. Streaming: Outside the Box via Partnerkinos

Körperkult

FILM – STREAMING: MISHIMA Eine Wiederentdeckung. 1985 feierte das ausserordentliche Porträt «Mishima – A Life in Four Chapters» in Cannes Premiere und wurde für die beste Kameraarbeit John Baileys ausgezeichnet. Nun liegt es in restaurierter Fassung vor. Francis Ford Coppola und George Lucas hatten den Spielfilm produziert. Regisseur Paul Schrader schildert den letzten Tag im Leben des japanischen Schriftstellers und Künstlers Yukio Mishima, der am 25. November 1970 rituellen Selbstmord (Seppuku) beging. Er gilt als einer der bedeutendsten Poeten und Schriftsteller Japans im 20. Jahrhundert, er verfasste Gedichte, Erzählungen, Romane Schauspiele und ein Libretto. Schrader («Cat People», Drehbücher zu «Taxi Driver», «Raging Bull») bettet das Leben und Wirken Mishimas in eine Rahmenhandlung, beginnt mit der Vorbereitung des reaktionären Traditionalisten, der mit Mitgliedern seiner Privatarmee, einen Putschversuch unternimmt. Und endet damit, dass Mishima den Kaiser (Tenno) inthronisieren will, scheitert und traditionellen Seppuku (Selbstmord) begeht. In schwarzweissen Rückblenden wird das Leben Mishimas aufgeblättert, wobei die vier Kapitel «Schönheit», «Kunst», «Tat» sowie «Harmonie von Feder und Schwert» auch Begebenheiten und Figuren drei seiner Romane einbeziehen.
Schraders Filmkunstwerk über 120 Minuten verwebt Biografisches mit Fiktionalem, Reales mit Künstlerischem. So werden die Hauptthemen Mishimas quasi belebt und in betörende Bilder umgesetzt: Körperkult und Narzissmus, Tabus und Sexualität (Homosexualität), politischen Aktivismus (Revolte und Restauration) und Tod (Harakiri). Streaming: ab 7. Mai filmingo (Trigon Film)


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Mai 2020


Kulturtipps


Auf Mexikos Strassen

FILM – STREAMING: MIDNIGHT FAMILY Sie jagen nachts durch die Strassen, wie von Furien gehetzt. Der 17jährige Juan lenkt den Wagen, Vater Fernando («Fer») Ochoa dirigiert und versucht den Fahrweg via Lautsprecher frei zu «schreien». Der jüngere mollige Bruder Josué ist Mitfahrer in diesem Rettungswagen. Er findet die nächtlichen Touren in Mexico City spannender und schwänzt die Schule. Das kleine Familienunternehmen ist auf der Jagd nach Patienten, Menschen, die verunfallt, geschlagen, angeschossen oder aus dem vierten Stockwerk gestürzt sind. Die Ochoas und andere sind Rettungsengel, die auch mal zu spät kommen, bisweilen keinen Pesos bekommen und oft von (korrupten) Polizisten behindert und erpresst werden. Familie Ochoa gehört in Mexico City zur Armada privater Rettungsambulanzen, die helfen, wo sie können. Unglaublich, aber wahr: In der mexikanischen Metropole mit neun Millionen Einwohnern sind ganze 45 (!) staatliche Rettungswagen im Einsatz. Der Amerikaner Luke Lorentzen (27) hat die «Midnight Family» Ochoa begleitet, war stiller Zeuge mit der Kamera, zeigt, wie sich das Trüppchen einsetzt, oft enttäuscht und abgezockt wird. Manchmal gibt's kleine Glücksmomente. Ein Dokumentarfilm, der sich jeden Kommentars enthält. Die Aktionen, die knappen Dialoge der Ochoas genügen. Die nächtlichen Touren sind oft spannender als manches Actionspektakel. Ein ungeschminkter gradliniger Film, der u.a. am Sundance Film Festival 2019 mit einem Sonderpreis der Jury ausgezeichnet wurde.
«Midnight Family» kann man streamen, in einem Arthouse-Kino abrufen, beispielsweise beim Rex in Bern, Bourbaki in Luzern, KinoK in St. Gallen oder RiffRaff in Zürich. Kosten: 10 Franken, die Hälfte erhält das Kino der eigenen Wahl.
outside-thebox.ch oder myfilm.ch


Kino lesen

BUCH: #CINEMA 65. SKANDAL Die unabhängige Schweizer Filmzeitschrift Cinema geht in den 65. Jahrgang. Die Broschüre, 215 Seiten stark (plus 16 Inseratsseiten) ist freilich kein Jahrbuch im herkömmlichen Sinn. Zwar werden in der Sélection Cinema (Schweizer Filmschaffen 2018–2019) auch 39 Filme besprochen (z.B. «Zwingli», «Der Büezer» oder «Baghdad in my Shadow»), doch das Hauptthema heisst «Skandal». Über ein Dutzend Beiträge angesehener Filmwissenschaftler und Kritiker kreisen mehr oder weniger um dieses Thema.
Interessant ist beispielsweise, wie Thomas Basgier, u. a. Gastdozent am Filmwissenschaftlichen Seminar der Uni Zürich, den Skandal-Bogen vom Schauspieler Roscoe «Fatty» Arbuckle 1921 zum Hollywood-Star Kevin Spacey und Produzent Harvey Weinstein heute schlägt, allesamt wegen Übergriffigkeit angeklagt und in Verruf gekommen. «Die türkische Sexploitationwelle 1974–1980)» beschreibt Aysel Özdilek (Uni Hamburg). Sie schreibt: «Die Vorstellung, dass die Tabuisierung und Stigmatisierung von sichtbarer weiblicher Sexualität ein überholtes Relikt aus den 1970er-Jahren ist, täuscht. Slutshaming angesichts freizügig bekleideter Frauen und vermehrte Vorfälle von Femiziden sind auch heute noch in einer von der islamisch-konservativen AKP-Partei regierten Türkei an der Tagesordnung.» Wieso Luis Buñuel und Salvador Dalí mit ihrem Film «L'âge d'or» 1930 für einen grossen Aufreger und Skandal der Filmgeschichte sorgten, beschreibt Christian Alexius in seinem Artikel «Angriff der Skorpione».
Aus Schweizer Sicht höchst spannend ist die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des Fernsehfilms «Ursula» nach einer Geschichte aus Gottfried Kellers «Zürcher Novellen». Die Literaturverfilmung, eine Koproduktion zwischen dem Schweizer Fernsehen und der DDR 1978, inszenierte der DDR-Regisseur Egon Günther. Nach massiver Kritik im Westen wie im Osten beantragte Günther die Ausrede aus der DDR. Sie wurde ihm noch 1978 gewährt.
«Cinema #65.Skandal» bietet fundierten Lesestoff über auch über frühe Hollywoodfilme und ihre Regulierung, Gewaltfilme oder den Japaner Koji Wakamatsu 1965, das Enfant terrible des japanischen Kinos, und die Berlinale 1965. Ich persönlich freilich vermisse Beiträge über Ingmar Bergmans «Das Schweigen» (1963), das in meiner Jugend für Skandale sorgte, oder über Hildegard Knef und ihre Rolle als «Die Sünderin» (1951). Dienlich wäre es auch, wenn im Impressum der Redaktionsschluss der Ausgabe vermerkt würde.
«Cinema #65. Skandal». Unabhängige Schweizer Filmzeitschrift 65. Jahrgang, Schüren Verlag, Marburg 2020


Krimi um Mitternacht

FERNSEHEN: DEAD END In den Sechzigerjahren gab es einen Schlager, in dem Bill Ramsey die Binsenweisheit «Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett» verbreitet. Lächerlich? Nicht ganz. Krimis sind beliebt wie nie – in Büchern, Filmen, in Fernsehserien. Kein Vorabend ohne Krimi, keine Region ohne eigene Ermittler von Ost- und Nordsee bis Bayern und Bozen, von Mallorca («The Mallorca Files», ZFFneo, bieder und blond, Klischees en masse wie im Tourismusprospekt) bis Istanbul («Mordkommission Istanbul», ARD).
Die Krimiserie «Dead End» (6 Folgen) wurde 2019 bereits von ZDFneo ausgestrahlt, nun also im ZDF-Hauptprogramm. Eine interessante Konstellation: Die Pathologin Emma (Antje Traue) kehrt aus den USA heim in eine Kleinstadt im Brandenburgischen – zum 75. Geburtstag ihre Vaters Peter (Michael Gwisdek). Der werkelt als Leichenbeschauer und hat manchmal Leichen im Keller bzw. Knöchelchen im Kühlschrank in Folge 1 (17. April): «Mit den Cowboys kam das Verbrechen». Vater und Tochter spannen zusammen und ermitteln in einigen fragwürdigen Todesfällen. Der Bürgermeister (Fabian Busch) sabotiert, die junge Polizistin Bettin (Victoria Schulz) ist hilfreich und clever, der Lokalkommissar Schubert (Lars Rudolph) ein fauler Sack, und dann taucht FBI-Agent Dorsett (Nikolai Kinski, der Sohn des berühmt-berüchtigten Mimen), auf. Mal düster, mal skurril, mal geht es um ein «Schneewittchen» mit tödlichem Hustenanfall, um einen abgestürzten Gleitschirmflieger oder eine Greisin, die ihren 100.Geburtstag feiern will, aber…Der Alte, der Angst vor Demenz hat, und die naseweise, leicht überhebliche Tochter bilden ein Gespann, das übliche Krimiverhältnisse sprengt. Keine Sackgasse also, die Reihe hat Chancen, in eine zweite Staffel zu gehen. «Dead End», ab 17. April freitags jeweils um Mitternacht, ZDF. Weiter am 26. April, 1., 16. 23. und 30. Mai (ZDF, auch Mediathek) Weitere Krimi-Tipps: «Spreewaldkrimi: Zeit der Wölfe», 27. April, ZDF; «Nachtschicht: Cash & Carry», 4. Mai, ARD


Hitze – aussen und innen

FILM – STREAMING: LE MILIEU DE L'HORIZON Kein Sommermärchen, sondern ein Sommerdrama. Die Hitze im Jahr 1976 setzt nicht nur Land und Tieren zu, sondern auch den Menschen. Der dreizehnjährige Gus (Luc Bruchez) spürt die Hitze, aber Triebe, die erwachen. Er klaut ein Sexmagazin und die Freundin weckt leise Begierden. Er beobachtet seine Mutter Nicole (Laetitia Casta) – mit anderen Augen – und ist verstört, als sie mit der lebenslustigen Freundin Cécile (Clémence Poésy) ein Liebesverhältnis beginnt. Tiere verenden infolge der Hitzewelle, ein sintflutartiger Regen setzt den Hühnerstall unter Wasser und der herrische, explosive Vater Jean (Thibaut Evrard) wird mit der der Naturkatastrophe und dem Zerfall seiner Familie konfrontiert. «Le milieu de l'horizon» – in diesem Film spürt man geradezu physisch die Hitze und erlebt den Ausbruch von Gefühlen und Sexualität.
Regisseurin Delphine Lehericey hat ein sensibles, stimmiges Familiendrama über Existenzängste, Familienrisse und erwachende Leidenschaften geschaffen. Sie schildert den Umbruch und Aufbruch der Protagonisten aus der Sicht des Teenagers Gus, der seinen Weg geht (bzw. auf dem Velo fährt). Im wahrsten Sinn des Wortes ein heisser Film, gedreht in Nordmazedonien. Er wurde als bester Schweizer Film 2020 ausgezeichnet, dazu gab's ausserdem einen Quartz für das beste Drehbuch. Im Januar lief er in den Deutschschweizer Kinos an, ziemlich erfolglos mit gut 1500 Zuschauern. In der Westschweiz hingingen verbuchte er bis zur Corona-Kinokrise 10 000 Besucher. Jetzt kann man den Film herunterladen bei einem Kino eigener Wahl, beispielsweise beim Kult.Kino Basel, Cameo Winterthur oder RiffRaff Zürich für 10 Franken. outside-thebox.ch

WEITERE KULTURTIPPS FÜR ZUHAUSE Auch wenn die neusten Bond- und Mulan-Abenteuer sowie «Black Widow» und andere Filme verschoben wurden, aktuelle Filme eingefroren wurden, kann Kino daheim stattfinden. Manche Produktionsgesellschaften bieten dazu Hand. Neben Netflix («Freud», jüngst vom ORF ausgestrahlt) gibt es Alternativen. Der Schweizer Spielfilm «Mare», die Rentner -Komödie «Cittadini del mondo» oder das schwedische Episoden-Puzzle «About Endlessness» sind auf der Online-Plattform von cinefile.ch bzw. myfilm.ch als Streaming zu sehen, ebenso der Dokumentarfilm über Bruno Manser von 2007 (Regie: Christoph Kühn), eine Wiederentdeckung.
Dschoint Ventschr offeriert als kleinen Trost Filme an, die man kostenlos daheim visionieren kann (Video on Demand): «Iraqui Odyssey» (2015) von Samir, «Verliebte Feinde» (2013, Bild) von Werner «Swiss» Schweizer, «Do It» (2000) von Sabine Gisiger und Marcel Zwingli sowie «Nachbeben» (2006) von Stina Werenfels. Neu hinzugekommen sind: «In wechselndem Gefälle» (Kurzfilm 1963 von Alexander J. Seiler), «Motor Nash» (1996) von Sabine Gisiger und Marcel Zwingli, «Opération Libertad» (2012) von Nicolas Wadimoff und «My Father, the Revolution & Me» (2013) von Ufuk Emiroglu. Kostenlos beim Promocode «HomeCinema».
Samirs Spielfilm «Baghdad in My Shadow» ist als VoD bei cinefile.ch, myfilm.ch und filmingo.ch erhältlich.


Hunkeler kann's nicht lassen

BUCH Er ist pensioniert, möchte eigentlich seinen Ruhestand im Elsass, seinem geliebten Refugium, geniessen. Aber wie die die Wirklichkeit so spielt in Basel und Umgebung … Peter Hunkeler, Ex-Kommissär des Kriminalkommissariats Basel, wird an einem Juni-Sonntag zu einer Leiche gerufen. Es ist der unliebsame Literatur- und Theaterkritiker Heinrich Schmidinger, der mit einer Boule-Kugel erschlagen wurde. Hunkeler ist dem zuständigen Ermittler, dem «Bluthund» Madörin, ein Dorn im Auge. Aber der Rentner lässt nicht locker, auch nicht bei seinem zehnten Fall (seit 1993): «Hunkeler in der Wildnis». Hansjörg Schneiders Krimis sind sozusagen entschleunigt, fast schon gemütlich. Gelassen nimmt der Einzelgänger, wie's kommt und ist dadurch seinem Autor nicht unähnlich. Der Aarauer (82), der seit Jahrzehnten in Basel lebt, meinte in einem Interview über die grassierenden Actionthriller: «Wenn ich die modernen Krimis mit den schnellen Szenen und den vielen abrupten Schnitten sehe, wird mir Sturm im Kopf. Als alter Mann halte ich mit diesem Tempo nicht mehr mit. Auch das viele Blut, das in den Krimis spritzt, habe ich nicht gern.» Mit Mathias Gnädinger fand er den idealen Hunkeler-Darsteller. Der verkörperte den Kommissär in fünf Filmen von 2004 bis 2012. Gnädinger starb 2015. Alle Hunkeler-Romane im Diogenes Verlag, Zürich.

Jeanne

FILM – STREAMING Bruno Dumont stellt die Nationalheilige Jeanne d'Arc ins Zentrum seines spröden stilisierten Films «Jeanne» – ohne Schlachtgetümmel und Brimborium. Keine andere Persönlichkeit, abgesehen vielleicht von Jesus, Napoleon und anderen Gestalten aus der antiken Mythologie, hat Filmemacher mehr inspiriert als die französische Nationalheroin Jeanne d'Arc. Die jüngste Version Bruno Dumonts folgt auf «Jeanette – Die Kindheit der Jeanne d'Arc», eine Art Musical von 2017. Nun hat er mit derselben Hauptdarstellerin Lise Leplat Prudhomme (12, Bild oben und unten) also nachgedoppelt.
Sein eigenwilliges, hoch stilisiertes Drama von 2019 ist statisch und schwerfällig, mit einigen Lieder aus dem Musical gespickt, die eher befremdlich wirken. «Jeanne» (siehe Filmkritik), die Jungfrau von Orleans, ist ein Teenager, der stoisch und sehr erwachsen seinen Leidensweg geht. Das Kind um 12 Jahre alt bietet den alten überheblichen Kirchenmännern Stirn. Der Spielfilm stellt den absolutistischen Anspruch einer Männerkirche an den Pranger, zeigt die Zerrissenheit einer gläubigen Seele, die sich nicht beugen und verbiegen lässt. Sie, von göttlicher Botschaft besessen, unterliegt kirchlichen Machtdünkeln. Den Film kann man fürs Heimkino (Streaming) abberufen und so Kinos der eigenen Wahl unterstützen. outside-thebox.ch


Mittelalter

FERNSEHEN  Die ZDF-Dokureihe Terra-X von Mirko Drotschmann taucht in 1000 Jahre Geschichte – von 500 bis 1500 n.Chr., das heisst vom Ende des Römischen Reiches bis zur Erfindung des Buchdrucks. In der «Kurzen Geschichte … übers Mittelalter» schildern Historiker, wie gewaltige Kathedralen entstehen, Burgen das Land überziehen (30 000 in Deutschland), Städte wachsen, Gilden gegründet werden, wie Ritter, eigentlich Pferdemänner, Teil des niederen Adels, aufsteigen, und wie das Lehnswesen funktioniert (Teil 1). Drotschmann zeigt aber auch, dass Frauen mehr drauf hatten, als als Burgfräulein besungen zu werden. In einem weiteren Kapitel widmet er sich der Hexenverfolgung (5. April). Bis 1780 fielen rund 50 000 Menschen diesem religiösen Wahnsinn zum Opfer in Europa, Jeanne d'Arc inbegriffen. Was geschah in den Folterkammern, weshalb wurden besonders Frauen Opfer dieses Hexenwahns? In einem dritten Beitrag der Reihe «Eine kurze Geschichte über…» geht es um das Alte Ägypten (14. April). Terra-X (sonntags 19.30 Uhr oder ZDFmediathek).


Hannes Wader

BUCH «Trotz alledem. Mein Leben» – so lautet der Titel der Biographie des Liedermachers Hannes Wader. Auf rund 580 Seiten plus Zeittafel und Diskografie beschreibt der Komponist, Liedermacher und Barde sein Vagantenleben zwischen Bethel bei Bielefeld, seinem Geburtsort 1942, und Kassel, seinem momentanen Wohnsitz. «Und ich denke beim Schreiben die ganze Zeit, ich habe mein gelebtes Leben vor Augen – dabei ist es immer nur der Tod. Was bleibt mir da anderes übrig, als einfach weiterzumache? Ich beende das letzte Kapitel – mal sehen, was dann passiert.» Seine Lieder wie «Der Rattenfänger», «Kokain», «Heute hier morgen dort» oder «Ich hatte mir noch so viel vorgenommen» sind unvergänglich wie der Barde mit der Gitarre selber, der im November 2017 sein letztes Konzert gab. Ein Lied hat ihn jahrzehntelang begleitet und wurde zu einer Art Bekenntnis: «Trotz alledem» (siehe Buchtitel).
Seine sehr persönliche Biographie liest sich wie eine Zeitgeschichtslektüre, etwa über Festnahme und Verhöre 1971 wegen Beteiligung einer kriminellen Vereinigung. Hannes Wader hatte der vermeintlichen Journalistin Hella Utesch seine Wohnung in Hamburg überlassen, während er durch Europa tourte. Die gewisse Hella war die Terroristin Gudrun Esslin (RAF). Wader wurde falsch beschuldigt, observiert, von Konzertveranstaltern boykottiert, obwohl man ihm nichts nachweisen konnte. Sein Liedermacherfreund Reinhard Mey und andere Kollegen haben sich für den Vorverurteilten eingesetzt, Konzerte erzwungen. Wader wurde immer wieder verdächtigt, beschattet und verhört wird. «Eine schier endlose Geschichte», zieht Wader Bilanz. Natürlich beschreibt er auch seine Auftritte und Begegnungen in der Schweiz mit Bernhard Stirnemann und seinen Berner Troubadours, mit Emil und Mani Matter oder Franz Hohler. Hannes (eigentlich Hans Eckard) ist ein politischer Mensch (DKP) und Poet, Volkssänger und Barde, der 2013 die Auszeichnung Echo für sein Lebenswerk bekam. «Übrigens», stellt Wader klar, «2013 kann ich den Echo noch mit Freude annehmen. Zu dieser Zeit gilt der in Deutschland wichtigste Musikpreis noch nicht als desavouiert und entwertet.» Ein Buch so reich wie das Liedergut Hannes Waders, der sich hier mit der Bildlegende «Macht's gut.» verabschiedete. Hannes Wader: «Trotz alledem. Mein Leben», mit zahlreichen Abbildungen im Penguin Verlag, 2. Auflage 2019, München


FILM – STREAMING Er ist Choreograph, sie seine Tänzerin, Geliebte, Widerpart. Ema und Gastón bilden ein wildes Paar, das den Reggaeton, einen poppigen Musikstil, bis zum Exzess lebt. Der Chilene Pablo Larraín schuf ein ekstatisches Drama über Kunst, Liebe, Lust und Leidenschaft, dessen Bilder haften bleiben (siehe Filmkritik). Trigon Film bietet den exaltierten Tanz- und Liebesfilm auf seinem Streaming-Dienst filmingo.ch an (ausgewählte Arthouse-Filme für 9 Franken für 2 Filme).


Dunkelstadt

FERNSEHEN Sie ist anders als manche Schnüffler, die man aus deutschen Serien kennt und hat mit Matula (Claus Theo Gärtner in «Ein Fall für zwei»), dem Methusalem unter den TV-Detektiven, wenig am Hut. Doro Decker (Bild) hat ihren Vater verloren – er kam als Polizist bei einer Personalkontrolle ums Leben. Sie hat selber den Polizeidienst quittiert und wurschtelt als Privatdetektivin durchs Leben – in Dunkelstadt (Drehort Antwerpen). Doro bevorzugt Whisky und Alleingänge. Sie ist tough (gleichzeitig apart hübsch), raucht wie ein Schlot und muss viel einstecken. Ihr zur Seite stehen Assi Adnan (Rauand Taleb), ein vifer flatterhafter Paradiesvogel, und Kommissar Chris (Artjom Gilz). «Diese Stadt», sinniert Doro Decker, die gern sich selbst kommentiert, «zieht verlorene Seelen an wie das Licht die Motten – auf der Suche nach Nähe, Wärme oder einfach einer schnellen Nummer – kommt sie aus den Löchern gekrochen. Diese Stadt hat jede Menge Liebe zu geben, aber umsonst ist sie nicht.»
Die Serie «Dunkelstadt» im Film Noir-Stil sticht aus allen deutschen Krimiserien heraus – mit Alina Levshin in der Hauptrolle, die ihre eigenen Macken und Ausstrahlung hat. Die 1. Staffel ist auf sechs Folgen ausgelegt: «Traumfänger» (Folge 5) ausgestrahlt am 28. März (ZDF) oder «Schafspelz» (6) am 1. April (ZDFneo) oder 4. April (ZDF, alle Folgen auf ZDF Mediathek).


Ballhaus

BUCH Berlin ist «in», besonders in den Roaring Twenties, den wilden Zwanzigerjahren. Die TV-Reihe «Berlin Babylon» mag dazu beigetragen haben. Susanna Goga hat ihre Krimireihe in eben dieser Zeit und in dieser pulsierenden Stadt angesiedelt. Kommissar Leo Wechsler ermittelt – mal in Clärchens Ballhaus (das gibt's wirklich), mal im Cabaret des Bösen, einem Sensationstheater. Wie im Roman «Nachts am Askanischen Platz» (2018) wird auch im jüngsten Fall «Der Ballhausmörder» (2020, der siebte Band) wird eine Leiche in einem Hinterhof gefunden. Leo Wechsler macht sich auf die Suche in einer schummrigen Welt zwischen Amüsement und Tristesse, Theater, Sekt und Charleston. «Ich möchte das Weimarer Berlin in seiner ganzen Vielfalt zeigen, nicht nur den Tanz auf dem Vulkan oder die Goldenen Zwanziger, die nie so richtig golden waren», bemerkt die Autorin Susanne Goga (Bild), die in Mönchengladbach lebt. Alle Krimis in der dtv Verlagsgesellschaft, München.


Liebevoller Clinch mit dem Papst

FERNSEHEN Die Initiative zu diesem Dokumentarfilm ging vom Vatikan aus. Der deutsche Kultfilmer Wim Wenders («Himmel über Berlin») hatte gern zugesagt. Für ihn war klar, dass er kein übliches Porträt drehen wollte. «Ich bin diesem Mann sehr nahe gekommen», erzählt er in einem Interview. «Ich wollte nicht, dass es ein Biopic wird, sondern ein Film über das, wofür Franziskus steht. Wir zeigen, was er sagt, und dass er das lebt, was er sagt.» Den Namen Franziskus hat sich der Papst selbst gegeben, er ist Bekenntnis und Botschaft zugleich. Und so beginnt der Dokumentarfilm «Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes» (siehe Filmkritik) auch mit Aufnahmen von Assisi und Giottos Fresken in der Kirche zu Ehren von Franz von Assisi. Der Mann, der mit den Tieren sprach und den Orden der Franziskaner begründete, ist Vorbild und «Verbündeter» des amtierenden Papstes, der 2013 gewählt wurde. Seine Ansprüche, seine Versuche der Erneuerungen im Rahmen der Römisch-katholischen Kirche stiessen und stossen auf Widerstand, aber er geht seinen Weg – «zum Wohle aller», wie er betont.

Auf seine Art begleiten Wim Wenders und sein Team das Kirchenoberhaupt auf den Wegen zu den Armen, etwa in die Favelas Rio de Janeiros oder nach Peru, zu Strafgefangenen in Neapel, zu Spitälern, zu Opfern des Taifuns auf den Philippinen, zu den Flüchtlingen in Lesbos und Lampedusa oder zu den Politikern, beispielsweise im US-Kongress oder bei einer UN-Vollversammlung. Wim Wenders nimmt den Papst beim Wort, illustriert seine Worte mit Bildern und Taten. Das Anliegen des Franziskus wird zu Wenders' Anliegen. Über mehrere Tage hat der Filmer Franziskus interviewt (ohne selber in Erscheinung zu treten) und offene Antworten erhalten, die Wenders dann geschickt durch Aufnahmen der Papstauftritte und -reisen dokumentiert.
Wenders’ Begegnungen mit dem Papst – von Angesicht zu Angesicht sozusagen – spiegeln nicht nur die Mission eines charismatischen Mannes wider, sondern auch unsere Welt, ihre Nöte, Probleme, Sünden. Der Film «Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes» wird am Karfreitag vom ZDF ausgestrahlt (22.50 Uhr).
Interessant in diesem Zusammenhang ist auch der Spielfilm «Two Popes – Zwei Päpste» (Netflix, 2019; siehe Filmkritik) mit Jonathan Pryce und Anthony Hopkins, basierend auf dem Buch (Diogenes Verlag) von Anthony McCarten. Eine fundierte spannende Darstellung des Papst-Clinches zwischen Vorgänger Kardinal Joseph Ratzinger (Papst Benedikt) und Nachfolger Jorge Mario Bergoglio (Papst Franziskus).